Laserzahnheilkunde
Seit Ende der 1960er Jahre werden in vielen Bereichen der Medizin mit gutem Erfolg verschiedenartige Laser (Wikipedia) eingesetzt. Die Laserdiagnostik und die Lasertherapie haben einen festen Platz in der in vielen Bereichen der Medizin, wie z.B. in der Chirurgie, der Augenheilkunde etc., um nur einige Anwendungsbeispiele zu nennen. In der Augenheilkunde kann z.B. mit Lasertechnik eine sich ablösende Netzhaut am Augenhintergrund verschweißt werden. Außerdem kann Kurzsichtigkeit durch Materialabtragung von der Hornhautoberfläche perfekt korrigiert werden. Die Erfolge, die mit diesen Verfahren heute möglich sind, wären ohne Laseranwendung nicht zu erreichen.
Angesichts dieser Erfolge der Lasermedizin war es naheliegend, für die Zahnmedizin ähnlich effektive Behandlungsmethoden unter Einsatz der Lasertechnik zu entwickeln. Motiviert von den Erfolgen in anderen medizinischen Bereichen versprach man sich von der neuen Technik wahre Wunder an Behandlungskomfort, Sicherheit und Effektivität und nicht zuletzt auch ökonomische Vorteile, die zu Zeiten des beginnenden politisch gewollten Honorarverfalls verständlicherweise mehr als willkommen waren.
Kein Wunder, dass das Thema sofort von der Dentalindustrie aufgegriffen und vermarktet wurde, was zur Folge hatte, dass schon nach kurzer Zeit eine Vielzahl von Lasergeräten auf dem Markt war, deren behauptete und hochgepriesene Wirksamkeit in fast allen Bereichen der Zahnmedizin nur noch von ihrem Preis übertroffen wurde. Solche Geräte lagen damals schon bei 100.000,- DM und können heute schon mal durchaus 60.000,- € oder mehr kosten. Es wäre geradezu eine moralische Heldentat für einen Zahnarzt, sich nach Anschaffung eines solchen Gerätes und nach dem Ausbleiben aller versprochenen Wunder konsequent wieder von der Fehlinvestition zu trennen. Die von mir in der Praxis getesteten Dentalaser erfüllten jedenfalls in keiner Weise die vollmundigen Versprechungen der Werbebroschüren und der verkaufsgeschulten Dentalvertreter.
Schon kurze Zeit nach der Erfindung des ersten Dentallasers wurden die Zahnärzte von einer Flut “höchst wirksamer” Anwendungsmöglichkeiten überrollt. Nicht wenige sahen sich dadurch veranlasst, die schlichte, bisher völlig ausreichende Berufsbezeichnung “Zahnarzt” abzulegen und sich fortan mit dem Phantasietitel “Laserzahnarzt” zu schmücken und “Laserzahnheilkunde” zu betreiben. Die Laserzahnärzte hofften, sich auf diese Weise von denen abzuheben, die den Zug der Zeit offensichtlich verpasst hatten und immer noch so altertümliche Werkzeuge wie Bohrer, Skalpell, Wurzelkanalinstrumente und ähnliches verwendeten. Es herrschte Goldgräberstimmung, der Dentalhandel boomte, und Laser sei dank war mit diesem Gerät – außer dem Ziehen von Zähnen – nichts mehr unmöglich. In Anlehnung an den ebenso falschen wie dummen Spruch: “Wer heilt, hat recht” galt jetzt das Motto: Wer lasert, hat recht. Die Mehrheit der Kollegen hatte jedoch kein Verständnis für solche Faxen, war zu recht misstrauisch und bohrte und operierte mit altbewährtem Werkzeug und bestem Erfolg weiter.
Dabei beruht die Wirkungsweise des Lasers, im Gegensatz zu den so genannten “alternativen Behandlungsmethoden”, durchaus auf grundsoliden, naturwissenschaftlich nachvollziehbaren physikalischen Prinzipien. Dass er in einer Vielzahl medizinischer Situationen wirkungsvoll und unersetzlich ist, beweist er täglich.
Nur in der Zahnmedizin wird es eng für den Laser, da es für alle Behandlungen bessere, einfachere und ökonomischere Verfahren gibt.
Zu den Laseranwendungen im Einzelnen:
Hardlaser – Laser mit hoher Energiedichte
Hardlaser sind tatsächlich aufgrund ihrer physikalischen Eigenschaften wirksam, indem sie durch Hitzeeinwirkung Gewebe verändern, doch ob diese Veränderungen sinnvoll sind, und wenn ja, ob sie den “klassischen” Verfahren überlegen sind, ist eine ganz andere Frage. Im Folgenden nur einige der angeblich den konventionellen Methoden überlegenen Hardlaser Anwendungen:
- Schnitte mit dem Laser sind steril.
Im Prinzip ist das richtig, aber nur für sehr kurze Zeit. Wenige Sekunden nach dem Schnitt ist es mit der Sterilität sowieso schon vorbei, weil die Bakterien der Mundflora sich sofort über die Wunde ausbreiten. - Laserschnitte bluten nicht.
Das stimmt oft, aber Blutungen sind bei der Weichgewebschirurgie in der Mundhöhle sowieso kaum ein Problem, da sie in der Regel leicht zu stillen sind. Oft sind Blutungen für eine problemlose Wundheilung sogar wünschenswert und erforderlich. - Laserwunden müssen nicht genäht werden.
Falsch: Bestimmte Wunden müssen, vollkommen unabhänig vom verwendeten chirurgischen Werkzeug, genäht werden, und sowohl das Nähen als auch die Nahtentfernung sind für den Patienten unproblematisch. - Mit dem Laser kann man schmerzlos “bohren.“
Das kann man nicht! Zwar kann man Karies mit einem Laser verbrennen, verkochen oder verschmoren, doch die Kariesentfernung mit dem herkömmlichen “Bohrer” ist wirksamer und präziser. Schmelz kann mit dem Laser auch nicht bearbeitet werden, und alte Füllungen kann man man damit schon gar nicht entfernen. Wenn man sich klar macht, dass Karies bis ins gesunde Zahngewebe entfernt werden muss, kann man sich lebhaft vorstellen, dass das mit dem Laser nicht schmerzlos gehen kann, denn das Innere eines vitalen Zahnes ist extrem temperaturempfindlich. - Wurzelkanalbehandlung
Mit dem Laser kann man in einem Wurzelkanal höchstens Verbrennungen erzeugen. Unter dem Mikroskop sieht das dann aus wie das Innere eines Schornsteins. Herkömmliche mechanische Verfahren sind hier allemal besser und ökonomischer. - Parodontosebehandlung
Für die Parodontalchirurgie gilt das, was über das “Laserschneiden” gesagt wurde … es macht keinen Sinn. Ausserdem geht es anders besser und schonender. Der ernsthaft arbeitende Parodontologe (Wikipedia) braucht keinen Laser. Das immer wieder gern angeführte Sterilisieren von Zahnfleischtaschen mit Laser ist bei guter Mundhygiene nicht nötig und bei schlechter Mundhygiene sowieso Unfug, weil von sehr kurzer Dauer. Ausserdem müssen Taschen, die die Mundhygiene erschweren oder unmöglich machen, entfernt oder so weit reduziert werden, dass der Patient sie in Eigenregie sauber halten kann. - Lippenbändchen durchtrennen
geht mit dem Laser ganz gut … mit dem Skalpell aber auch. Bei höchstens einer Lippenband – Durchtrennung pro Quartal (meist viel weniger) kann man sich die Ausgabe für ein solches Gerät ruhig verkneifen und das Geld in sinnvollere Praxisinvestitionen stecken. - Laserbehandlung ist schmerzlos
Diese Aussage ist falsch. Sobald der Laserstrahl auf das Gewebe trifft, wird es einer starken Erhitzung ausgesetzt, die zu Verbrennungen oder Verkochungen führt. Dies ist immer mit Schmerzen verbunden, die nur durch eine (übrigens vollkommen schmerzlose) örtliche Betäubungsspritze unterbunden werden können.
Softlaser – Laser mit geringer Energiedichte
Während der Hardlaser wenigstens eine physikalisch begründbare aber weitgehend nutzlose oder schädliche Wirkung auf Zähne und Zahnfleisch hat, ist der Softlaser in jeder Hinsicht wirkungslos, wenn man mal die negativen Wirkungen auf den Geldbeutel des Patienten ausser Acht lässt. Die Energie der hier verwendeten Laserstrahlung ist so gering, dass eine wie auch immer geartete Wirkung ausgeschlossen ist. Man könnte Zähne und Zahnfleisch ebenso gut mit einem Laserpointer beleuchten. Beim Softlaser handelt es sich um reinen Hokuspokus, da hilft auch nicht das pseudowissenschaftliche Geschwafel, mit dem Anwender und Hersteller den vielfältigen “Nutzen” dieser Technik anpreisen.
In wissenschaftlichen Untersuchungen konnte bisher kein erkennbarer Nutzen nachgewiesen werden, es handelt sich dabei wohl eher um esoterische bzw. Placeboeffekte, die wie die Kinesiologie, die Bioresonanztherapie oder andere „Naturheilverfahren“ keinen strengen wissenschaftlichen Kriterien standgehalten haben. Der Softlaser ist teuer und nutzlos, aber wenigstens nicht schädlich.
Fazit:
Während der Laser in vielen Bereichen der Medizin sehr nützlich ist, ist er für die zahnärztliche Anwendung so gut wie ungeeignet und manchmal auch schädlich. Die hohen Kosten, die durch die Anschaffung nutzloser Geräte entstehen, sind durch nichts zu rechtfertigen und schmälern das Praxisbudget und damit die Möglichkeit für sinnvolle, die Behandlungsqualität wirklich verbessernde Investitionen.
Wäre die “Lasertherapie” in der Zahnmedizin den konventionellen Behandlungsmethoden überlegen, medizinisch sinnvoll und ökonomisch vertretbar, so würde sie (wie in anderen Bereichen der Medizin) längst von der gesetzlichen und der privaten Krankenversicherung bezahlt. Dass dies von den Kassen berechtigterweise abgelehnt wird, spricht für sich.
Wer als Patient mit dem Gedanken an eine Laserbehandlung spielt, sollte sich im klaren darüber sein, dass er sein Geld für diesen Unfug beim Laserzahnarzt verschwendet, und am Ende oft nichts mehr übrig ist für eine sinnvolle Behandlung, die zu einer tatsächlichen Verbesserung der Mundgesundheit führt.
Montag 28. Dezember 2009 um 15:43
Wow! Da sieht man mal wieder: “Es ist nicht alles Gold, was glänzt!”
Hm, ich muss über den Begriff des “Laserzahnarztes” wirklich schmunzeln und mir zeitgleich an den Kopf fassen, was es nicht alles gibt und was manche Ärzte tun, um sich abzuheben.
Möglicherweise gibt es ja demnächst auch die neumodische Berufsbezeichnung: “Computerized Numerical Control Dentist”. Dies wäre in dem Fall ein Zahnarzt, welcher mit einer speziell entwickelten CNC-Fräse alle möglichen Behandlungen durchführen könnte. Er müsste nur die Maschine entsprechend programmieren oder ein vorinstalliertes Programm starten und die Maschine erledigt ihre Arbeit von ganz allein, Von PZR bis zur vollkommenen Prothetik, während der neue Cyberzahnarzt sich eine Tasse Kaffee gönnt.
Aber genug der Scherze. Es ist wahrhaft erschreckend, wie leicht manche sich durch den Schein einer neuen Technologie, in einem unerforschten Terrain, blenden lassen.
Ich danke Ihnen für diesen hochinteressanten Artikel.
Mit freundlichen Grüßen: André Tolzmann
Montag 28. Dezember 2009 um 16:30
Das ist doch noch harmlos, verglichen mit anderen Zahnmedizinischen “Errungenschaften”.
Insbesondere im Bereich der sogenannten “alternativen Zahnmedizin” wird jede Menge Unfug getrieben, der im harmlosesten Fall wirkungslos und im weniger harmlosen Fall schädlich ist.
Interessant ist, mit welch religiösem Eifer manche Vertreter der “alternativen (Zahn)Medizin” die schulmedizinischen Behandlungsverfahren verteufeln.
Ich werde, sobald ich Zeit dazu habe, den einen oder anderen Artikel über die schlimmsten Auswüchse auf diesem Gebiet schreiben.