Ein Klinikum wird verkauft
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Am 24.6.09 fand unter der Überschrift: “Konzernmedizin, wie die Marburger Patienten verkauft werden” in Marburg ein Vortrag und Diskussion mit Renate Hartwig statt.
Hauptthema waren die Privatisierung und der Verkauf der Uni-Kliniken Marburg und Giessen an die Rhön-Klinikum AG und die weitreichenden Folgen, die sich daraus für Patienten, Klinikangestellte und niedergelassene Ärzte ergeben.
Zu Beginn der Veranstaltung fasste Frau Dr. med. Ulrike Kretschmann Marburg, Fachärztin für Allgemeinmedizin, als Vertreterin des Notruf 113 die Entwicklungen seit dem Übergang des Marburger Uni-Klinikums in private Hände im Jahr 2006 zusammen.
Mit Zustimmung von Frau Dr. Kretschmann gebe ich hier ihre Rede im Wortlaut wieder:
Meine Damen und Herren,
Sie als Marburger werden in den letzten drei Jahren wohl alle Ihre eigenen Erfahrungen mit dem privatisierten Uniklinikum gemacht haben. Ich fasse im Folgenden kurz das Geschehen zusammen und gebe meine Eindrücke aus der Sicht einer niedergelassenen Hausärztin wieder.
Anfang des Jahres 2006 hat die hessische Landesregierung nach ihrer Ansicht ein „Leuchtturmprojekt“ in der deutschen Wissenschaftslandschaft auf den Weg gebracht: die Zusammenlegung und Privatisierung der Uni Kliniken Marburg und Gießen, wobei der universitäre Anteil beim Land verblieb und die zugehörige Krankenversorgung an einen gewerblichen Anbieter vergeben wurde. Nach einem Ausschreibungsverfahren erhielt die Rhön- Klinikum AG den Zuschlag.
Einem nachdenklichen Beobachter der Szene drängt sich dabei die Frage auf, warum der hessische Ministerpräsident, der diese Strategie vehement als großen Wurf feierte, diese Errungenschaften der Uniklinik Frankfurt vorenthielt und immer noch vorenthält? Oder hatte er vielleicht doch Zweifel an seiner eigenen Strategie? Darüber hinaus stellt sich die weiterführende Frage, warum das Land Baden –Württemberg in gleicher Sache nach umfangreichen Anhörungen von Experten sich gegen einen solchen Weg entschieden hat. Wahrscheinlich ist man in Hessen dann doch klüger?
Wie dem auch sei, seit der erfolgten Privatisierung ergeben sich durchaus Erkenntnisse und Begebenheiten, die eine Reihe von Fragen aufwerfen. Es lässt sich durch Rückkopplung aus den Arztbriefen der Kollegen und durch die Berichte der Patienten eine dramatische Einbuße der Qualität der Krankenversorgung bis hin zu einer Art “Drehtürmedizin” feststellen. Mir ist es bei Einweisung von Patienten mehrfach passiert, dass das Klinikum schematisch eine Palette von profitablen Prozeduren durchführte, der Patient allerdings genauso krank wieder entlassen wurde, ohne dass das eigentliche medizinische Problem, das der Erkrankung zu Grunde lag, gelöst worden ist. Für klärendes Nachfragen war entweder keine Zeit, kein Interesse oder man erklärte sich für nicht mehr zuständig.
Hier mögen der wirtschaftlichen Ertrag und die statistischen Zahlen des Klinikums stimmen; das Ergebnis für den Patienten und die einweisenden Ärzte ist häufig unbefriedigend. Seit nach diagnosedefinierten Fallpauschalen (DRGs) vergütet wird, ist die frühere Bettenpolitik ins Gegenteil verkehrt worden; die Patienten werden oftmals zu früh statt zu spät entlassen, eine notwendige Klärung der medizinischen Probleme findet häufig nicht mehr statt, weil zusätzliche Untersuchungen zwar noch Kosten, jedoch keine Einnahmen mehr bedeuten. Hierdurch mag das betriebswirtschaftliche Ergebnis des Klinikums verbessert werden, für die Versichertengemeinschaft und den Patienten werden die Kosten oft drastisch erhöht, weil die richtige Diagnose erst nach weiteren Vorstellungen bei Hausarzt, Fachärzten und Einweisungen in andere Kliniken gestellt werden können. Die adäquate Therapie kann erst später eingeleitet werden, ein zum Teil irreversibler Schaden beim Patienten ist möglicherweise entstanden.
Es sind dabei gerade die Patienten mit komplexen, schweren Erkrankungen, das traditionelle Klientel von Universitäts-Krankenhäusern, die unter der Entwicklung zu leiden haben. Gerade diese Patienten, möchten mit einem betreuenden Arzt darüber sprechen, was die technischen Untersuchungen für ihr Leben bedeuten. Man muss an dieser Stelle die Frage stellen, ob in einer gewerblich orientierten Medizin solche Patienten noch adäquat betreut werden können, oder ob der PRIMAT der Gewinnmaximierung dem entgegensteht. Es schließt sich eine weitere Frage an: Kann eine Privatisierung von Hochschulmedizin im Sinne der betroffenen Patienten sein?
Im 3. Jahr nach der Privatisierung scheint sich das Universitäts-Klinikum neu zu orientieren. Es wird eine Steigerung des Umsatzes um mindestens 3 % jährlich als Konzernvorgabe angestrebt. Die Chefärzte werden mit umfangreichen Papieren und Arbeitsblättern dazu aufgefordert, sich um die betriebswirtschaftliche Stoßrichtung des Klinikums Gedanken zu machen. Ausdrücklicher Bestandteil der Analyse soll die Bewertung der Konkurrenz sein, der Marktanteile abzunehmen sind. Die Niedergelassenen kommen letztlich an zwei Stellen vor, nicht nur als Konkurrenz, der Marktanteile abzunehmen sind, sondern auch als Zuweiser, deren Perspektive mitbedacht werden soll. Der Erfolg der Ziele der Rhön-AG beruht darauf, dass sie selbst eine straff betriebswirtschaftlich-gewinnorientierte Strategie entwickelt, während auf der anderen Seite eine Gruppe von Niedergelassenen steht, denen die Konzernstrategien und politischen Veränderungen im Gesundheitssystem unklar sind und die demzufolge weder eine eigene noch eine gemeinsame Abwehrstrategie entwickeln können.
Erwähnenswert ist in diesem Kontext auch, dass die Stellung der beiden unter dem Dach der Rhön-AG vereinigten Kliniken hier bei uns in Mittelhessen recht dominant ist, so dass eine große Steigerung der stationären Fälle aus der Region schwierig sein dürfte. Wegen des eklatanten Abfalls des Niveaus der Uni-Kliniken ist es auch schwer vorstellbar, dass diese Häuser im Wettbewerb mit anderen staatlichen Uni-Kliniken bestehen können und verstärkt überregionale Überweisungen stationärer Patienten vorkommen werden. Bleibt also die Expansion in den lokalen ambulanten Markt.
Derzeit werden im 3. Bauabschnitt in Marburg bis 2011 ca. 28 MVZs am Uni-Klinikum eingerichtet. Dies passiert in einer Zeit in der die Politik gegen die doppelte Facharztschiene agiert, indem die finanzielle Basis für die freie fachärztliche Tätigkeit zunehmend verkleinert wird. Es besteht durchaus eine große Aussicht auf Erfolg, zumal die Rhön-Klinikum AG sich personell so ausrichtet, dass sie über das entsprechende Fachwissen verfügt: So wurde im letzten Jahr Thomas Straub von der TKK Mitglied des Vorstands der Rhönkliniken AG, was natürlich unter der Prämisse erfolgt, das man Wertschöpfungsketten vom ambulanten in den stationären Bereich und zurück aufbaut.
Unter diesen Gesichtspunkten ist es auch nicht verwunderlich, dass Prof. Dr. Karl Lauterbach im Aufsichtsrat der Rhön-Klinikum AG präsent ist! Es wird sich jedem spontan erschließen, dass Herr Lauterbach natürlich nur die Interessen der Patienten im Sinn hat und sich an jeder Stelle den oben geschilderten Konzerninteressen widersetzen wird. Welche Alternativen bleiben den niedergelassenen Ärzten, um sich solchen Konzernen entgegen zu stellen? In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass die Rhön-Kliniken die Heterogenität und Uneinigkeit der niedergelassenen Ärzte benutzen, um diese zu spalten und nicht geschlossen auftreten zu lassen. Zum anderen spielt man mit Existenz- und Zukunftsängsten bei den niedergelassenen Kollegen. Die schlechter werdende Behandlung der Patienten in Klinikum wird verharmlost und hinter stereotypischen Floskeln der Manager wie „Spitzenmedizin für jedermann“ versteckt. Es ist bekannt, und dies betonen wir vom Notruf 113 immer wieder, dass die bestehenden Probleme durch einen Personalabbau bedingt sind, so dass auch die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte und Ärzteschaft am Klinikum zunehmend schlechter wurde.
Hauptpunkte unserer weiteren Arbeit im Jahr 2009 und 2010 sind:
- Faktenklärung, Meinungs- und Willensbildung im Kreis der niedergelassenen Kollegen, denn viele Kollegen sind immer noch allzu gern bereit, den Kooperationsversprechen der Rhönfunktionäre Glauben zu schenken.
- Meinungsbildung und Informationstransfer aus der Bevölkerung/von Patienten, die von der Verschlechterung der Versorgungssituation betroffen sind.
- Zusammenwirken mit den Beschäftigten der Uni -Kliniken. Das Pflegepersonal leidet unter Personalabbau und der damit verbundenen Arbeitsverdichtung. Die ärztlichen Kollegen stehen unter dem Druck einer zunehmenden Ökonomisierung der ärztlichen Tätigkeit. (Zitat des Aufsichtsratsvorsitzenden der Rhön-AG: er möchte den „Artenschutz“ für Professoren in ihren akademischen Nischen aufheben).
- Dialog und kontroverse Diskussion mit der Politik, um die Sachverhalte klarzustellen und zu verbessern. Nur wenn deutlich gemacht werden kann, dass sowohl niedergelassene Ärzte als auch Patienten gegen solche Veränderungen sind, kann etwas bewirkt werden.
Die Rhön-Klinikum-AG operiert landesweit und sehr koordiniert von der Konzernspitze aus. Diese Konzernspitze verfolgt ein klar definiertes Ziel, nämlich eine Gewinnmaximierung. Die Betroffenen dieser Privatisierungswelle sind sehr unterschiedlich in ihren Ängsten und Interessen. Da sind Patienten und deren Angehörigen, Bevölkerung und Politiker in der Region, Pflegekräfte und sonstige Beschäftigte des Uniklinikums, Ärzte des Klinikums auf den verschiedenen Hierarchieebenen, die Krankenhäuser anderer Träger und deren Beschäftigten sowie niedergelassene Haus- und Fachärzte.
Wir vom NotRuf 113 haben immer wieder betont, dass die Beschäftigten wie Chefärzte, Assistenzärzte, Pflegepersonal vom profitorientierten Management im Regen stehen gelassen werden. Das Management presst die Arbeitskraft der Beschäftigten aus, anstatt den Stellenschlüssel an die Bedürfnisse der Patienten anzupassen. Das dies zu einer überproportionalen Fehlerhäufung führt liegt auf der Hand. Das Management versucht durch seine öffentlichen Äußerungen immer wieder einen Keil zwischen die Betroffenen zu treiben. Wir müssen uns dagegen überlegen, welche gemeinsamen Aktionsformen gegen die Privatisierungsfolgen des Uniklinkums sinnvoll sind. Seien wir Realistisch, fordern wir das Unmögliche! die Universität gehört dem Bürger und sollte in die öffentliche Hand zurücküberführt werden.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Sonntag 20. Juni 2010 um 19:15
Sehr geehrte Damen und Herren, ich danke Ihnen, dass Sie sich diesem Thema gewidmet haben und kann nur das bestätigen, was in der heutigen Ausgabe unserer Tageszeitung “Hinterländer Anzeiger” berichtet wurde.
Im Februar 2010 war ich stationär für 5 Tage auf den Marburger Lahnbergen und habe in diesen Tagen 3 negative Erfahrungen, die ich auf Personalmangel zurückführe, erleben müssen.
Ich wünsche Ihnen für Ihre Arbeit viel Erfolg und verbleibe
mit freundlichen Grüssen
Inge Schneider
Grabenheckerstr. 12
35232 Dautphetal-Holzhausen
Tel. 06468/257
Donnerstag 15. Juli 2010 um 15:22
Der Patient ist der Souverain ! Was im Interesse des Patienten ist, das ist vernünftig. Die Versorgung des Patienten sollte auf Maximalniveau bleiben. Die Lehre und Forschung ebenso. Die Bestallung neuer Professoren sollte nach obejktiven Maßstäben erfolgen, keinesfalls aufgrund irgendwelcher Wirtschafts-Interessen.