Mundhygiene

Am Anfang steht das Zähneputzen!

Diese Erkenntnis ist ebenso banal wie richtig. In einer gepflegten Mundhöhle kommen Karies und Parodontitis nicht vor! Wenn diese Tatsache von allen ernst genommen würde, wären Zahnärzte arbeitslos oder müssten sich mit dem kärglichen Einkommen begnügen, das sie mit der Entfernung verlagerter oder überzähliger Zähne, der Behandlung von Unfallfolgen und seltenen, nicht selbst verursachten Erkrankungen erwirtschaften könnten.

Jetzt erzählen Sie bitte nichts von Ihrem Urgroßvater, der keine Zahnbürste hatte, das Wort Mundhygiene nicht kannte aber trotzdem noch mit 95 Jahren seine eigenen Zähne hatte und prima kauen konnte. Sowas kommt vor, ist aber derart selten, dass Sie nicht darauf hoffen dürfen, ebenso glimpflich davonzukommen.

Wer sein Zahnschicksal nicht herausfordern oder dem Zufall überlassen will, muss frühzeitig, am besten vom ersten Zahn an, am Erreichen dieses Zieles arbeiten, während der Kindheit und Jugend mit der tatkräftigen Unterstützung seiner Eltern.

Putzen ist Teamwork (Kinderzahnpflege)

Das menschliche Gebiss - eine Fehlkonstruktion? ...

Das könnte man angesichts des großen Erhaltungsaufwandes vermuten. Schließlich müssen wir kein anderes Organ unseres Körpers so pingelig pflegen, um seine Funktionsfähigkeit bis ins hohe Alter zu sichern. Dabei wird leicht übersehen, dass die Zähne auch ohne besondere Pflege ihre Aufgabe während der ihnen von der Natur zugestandenen Lebensdauer problemlos erfüllen. Für den Großteil des Mittelalters wird eine durchschnittliche Lebenserwartung der Bevölkerung von 30 Jahren und weniger angenommen, und diese Zeit schaffen die meisten Zähne auch ohne nennenswerte Pflege.

... Sicher nicht, aber die Anforderungen sind gewachsen.

Bei der heutigen Lebenserwartung sieht das ganz anders aus: Stellen Sie sich vor, sie kaufen ein Auto in der Absicht, es mindestens 70 Jahre lang ohne Reparaturen problemlos zu fahren. Das geht nicht, werden Sie sagen, und wenn Sie es trotzdem anstreben, bedeutet das einen ganz besonders schonenden Umgang und einen großen Pflegeaufwand. Genauso verhält es sich mit Ihren Zähnen: Sie müssen sie penibel und extrem gründlich pflegen!

Was viele nicht wissen

Die meisten Menschen wissen, dass es einen Zusammenhang zwischen Mundhygiene und Zahngesundheit gibt, doch viele sind sich nicht darüber im Klaren, dass die richtige und konsequente Mundhygiene der alles entscheidende Faktor ist. So kommen z.B. die wenigsten der Befragten (gerade mal 2%) auf die Idee, dass Zahnfleischbluten durch intensiveres Zähneputzen effektiv bekämpft werden kann, obwohl genau dies zutrifft (siehe nebenstehendes Bild), und nur 32% sehen darin wenigstens einen Anlass, zum Zahnarzt zu gehen, während weitere 32% überhaupt nichts tun. Stellen Sie sich doch einmal vor, Sie kämmen Ihre Haare und stellen dabei fest, dass Ihre Kopfhaut blutet ...!

Richtige Zahnpflege ist nicht kompliziert

Es gibt so viele Zahnputzmythen, Gerüchte über die richtige Mundhygiene und wohlgemeinte Ratschläge, dass man glauben könnte jeder müsse begriffen haben, wie man es richtig macht. Leider ist eine Vielzahl dieser Informationen jedoch falsch oder sogar schädlich. Dabei genügen eigentlich schon ein gewisses technisches Verständnis und - ganz besonders - der Wille, die täglichen Zahnputzrituale auch tatsächlich konsequent und gründlich durchzuhalten. Im Grunde ist das ganz einfach und keineswegs so kompliziert, wie die Verkäufer von Mundhygieneartikeln uns dies zur Förderung ihrer Umsätze gerne weismachen wollen.

8 Gerüchte, Irrtümer und Mythen über die richtige Zahnpflege


1. Jeder braucht genau die auf ihn abgestimmte Zahnbürste, Zahnpasta etc.

Stimmt nicht! Alle nasenlang kommen neue Zahnbürsten heraus, im Rahmen aufwendiger Forschung entwickelt und natürlich wesentlich besser als alles zuvor dagewesene. Raffinierte Anordnung der Borsten, elastische Griffe, die übermäßigen Druck verhindern sollen, intelligente Bürsten die Sie alarmieren, wenn sie sich für abgenutzt halten oder wenn nicht lange genug geputzt wird, Bürsten für krumme Zähne, gerade Zähne usw. Die sprechende Bürste gibt es auch schon, und demnächst soll sogar eine auf den Markt kommen, die sich aktiv Ihrer Hand anschmiegt und Ihnen anerkennende Worte zuraunt, wenn Sie alles richtig machen. Das ist Marketing pur.

Genauso ist es mit der Zahnpasta. Da gibt es Zahnpasten gegen Karies, gegen Parodontitis, gegen gelbe Zähne, für weiße Zähne und natürlich immer gegen Mundgeruch. Glauben Sie nichts davon - mit praktisch jeder Zahnpasta können Sie Ihre Zähne gut säubern, und der Rest ist wie die Sache mit dem Waschmittel, das nicht nur sauber sondern wirklich rein wäscht. Was Sie brauchen ist...

  • Eine geeignete nicht zu alte Zahnbürste mit einem relativ kleinen Borstenfeld. Tauschen Sie sie gegen eine neue aus, bevor sie aussieht wie die oben abgebildete.
  • Eine Zahnpasta Ihrer Wahl - die meisten enthalten Fluorid und "entschärfen" empfindliche Zahnhälse.
  • Zahnseide - nicht zu dünn und nicht zu "fusselig" - ich bevorzuge die gewachste. Übrigens ... wenn mal etwas hartnäckig zwischen den Zähnen hängen bleibt, machen Sie einfach ein paar nicht zu kleine Knoten in die Zahnseide und ziehen Sie sie dann durch. Das wirkt Wunder.
  • Eventuell Zahnzwischenraumbürsten (Interdentalbürsten), wenn die Abstände zwischen den Zähnen das zulassen oder bei Zahnersatz. Sie sollten so groß sein, dass sie gerade durch Ihre Zahnzwischenräume passen.

2. Zähne müssen kräftig geschrubbt werden

Diese Aussage kann sowohl richtig als auch falsch sein. Eine zu grobe Putztechnik kann zwar saubere Zähne und entzündungsfreies Zahnfleisch bewirken, doch das muss nicht unbedingt in allen Fällen funktionieren. Wenn man brutal drauf los schrubbt, werden oft nur die ohnehin leicht erreichbaren Flächen nicht aber die Zahnzwischenräume erreicht, und dort bleibt dann der Zahnbelag hängen und verursacht weiterhin Karies und Parodontitis.

Durch zu starkes Schrubben können die Schmelzoberflächen und ganz besonders die Wurzeloberflächen im Zahnhalsbereich erheblich geschädigt werden. Durch starkes Scheuern wird Substanz abgetragen, das Zahnfleisch zieht sich zurück, und die Zähne werden kälteempfindlich.

Richtig ist eine Putztechnik, bei der gerade genügend Druck ausgeübt wird, um die Borsten weit genug in die Zwischenräume zu drücken. Dort sollen die Borsten dann aber bleiben und mit kleinen kreisenden oder rüttelnden Bewegungen den Belag lösen. Die Borsten sollen beim Putzen auf der Zahnoberfläche keine größeren Entfernungen zurücklegen. Die immer wieder auftauchenden Empfehlungen zur genauen Stärke des Bürstdruckes machen nicht viel Sinn, da zu viele andere Faktoren eine Rolle spielen.

Eines aber kann man mit Sicherheit sagen: Das Zahnfleisch muss nicht sanft massiert werden, und wenn es blutet, liegt das nicht an zu viel sondern an zu wenig Putzen.

3. Elektrische Zahnbürsten putzen besser

Das trifft nicht zu. Elektrische Zahnbürsten sind den manuellen nicht überlegen, da die meisten auf Grund ihrer schwachen Motorisierung stehenbleiben oder schnell kaputt gehen, wenn man genügend Druck ausübt, um die Borsten in die Zahnzwischenräume zu bringen. Elektrische Zahnbürsten führen nur die vom Hersteller vorgesehenen Bewegungen aus, und die müssen nicht unbedingt richtig sein. Außerdem verleiten sie, wie andere Maschinen auch, leicht zu einer gewissen Faulheit nach dem Motto: "Einfach einschalten und reinhalten - der Rest passiert dann von selbst." Wer nicht handwerklich ungeschickt oder in seinen manuellen Fähigkeiten eingeschränkt ist, erreicht mit der Handzahnbürste mehr.

4. Immer nur von rot nach weiß putzen

Wer Immer von rot, also vom Zahnfleisch weg, nach weiß, also zur Zahnkrone hin putzt, kommt mit den Borsten seiner Zahnbürste garantiert nie dahin hin, wo die gefährlichsten Zahnbeläge am liebsten sitzen, nämlich direkt am Zahnfleischsaum und in den Zahnfleischtaschen.

Stellen Sie sich den Bewegungsablauf einfach bildlich für eine einzelne Borste vor: Die Borste kommt aus Richtung Zahnfleisch, hebt an der höchsten Stelle des wulstigen Zahnfleischsaumes von diesem ab und legt ca. 1mm im "Freiflug" zurück, um danach auf die Schmelzoberfläche aufzutreffen. Dieser eine Millimeter, das Innere der Zahnfleischtaschen und die Zwischenräume kommen mit der Borste nicht in Berührung. Die rot-nach-weiß-Technik ist eine der sichersten Methoden, den Zahnbelag an seinem bevorzugten Aufenthaltsort zu schonen.

Halten Sie stattdessen die Bürste so gegen die Taschenöffnungen und Zwischenräume geneigt, dass die Borsten dorthin gelangen und unter Rüttelbewegungen ihre Arbeit verrichten können, wo sie am meisten gebraucht wird. Die Borsten sollen in den Taschen und Zwischenräumen reinigen und nicht über sie hinwegfegen.

5. Wenn das Zahnfleisch blutet, besonders sanft oder gar nicht putzen

Eine wirklich tolle Idee ... vergessen Sie das ganz schnell. Zahnfleisch blutet fast nur dann, wenn es entzündet ist, und entzündet ist es fast immer auf Grund von Zahnbelag, den man durch Putzen prima entfernen und die Entzündung damit auf einfache Weise beenden könnte. Die richtige Maßnahme ist gründliches Putzen, damit die Beläge und damit die Entzündung und die Blutung schnell verschwinden - das dauert in der Regel nicht viel länger als eine Woche. Die Ausnahmen von dieser Regel sind so selten, dass Sie sie ruhig ignorieren können. Eine Ausnahme ist die akute nekrotisierende ulzerierende Gingivitis (ANUG), die heute erfreulicherweise bei uns kaum noch vorkommt. Darunter versteht man eine extrem starke Infektion und Entzündung, die zu einem sehr schmerzhaften und schnell fortschreitenden eitrig geschwürigen Zerfall des Zahnfleisches führt. Hier sind Antibiotika, desinfizierende Spüllösungen und ggf. ganz vorsichtiges Reinigen angezeigt, soweit die Schmerzen das zulassen. Gegebenenfalls wird Ihr Zahnarzt in einem solchen Falle eine vorsichtige und schonende Zahnreinigung durchführen.

6. Nicht sofort nach dem Essen bürsten

Na prima, da hat man sich endlich aufgerafft, seine Zähne nach den Malzeiten zu reinigen, und schon soll man es wieder lassen. Der Hintergedanke dieser Empfehlung ist die Annahme, dass säurehaltige Nahrung, wie beispielsweise Obst oder Säure enthaltende Getränke, wie Fruchtsäfte oder - besonders schlimm - Coca Cola, den Zahnschmelz vorübergehend schwächen und anfälliger für die mechanische Abnutzung durch zu starkes Schrubben machen. "Dauer-Cola-Nuckler" und Co. haben hier übrigens wirklich ein großes Problem. Stattdessen soll man, so die Verfechter dieser Theorie, nach dem Essen mit Wasser spülen, und dann erst mal mindestens eine halbe Stunde mit dem Zähneputzen warten.

Da ist sicher etwas dran, doch mit dem wirklichen Leben hat das nicht viel zu tun. Nach dem Abendessen mag das ja noch gehen, aber wer hat schon die Muße, nach Frühstück oder Mittagsessen erst mal eine Pause einzulegen, bevor er die Zähne putzt? Außerdem soll man ja auch nicht vehement scheuern sondern in einem vernünftigen Maß putzen. Allerdings gehen immer mehr Zahnärzte zu Recht dazu über, für die Reinigung zwischendurch auch einfach mal nur Zahnseide oder Interdentalbürsten zu empfehlen. Es reicht in der Tat vollkommen aus, wenn die "große Reinigung" einmal täglich erfolgt, doch das darf man als Zahnarzt ja kaum sagen, ohne denen, die es sowieso nicht so genau nehmen, eine willkommene Ausrede zu liefern.

7. Äpfel und Kaugummi ersparen das Zähneputzen

Was immer Sie auch kauen, egal ob Kaugummi, Äpfel oder sonst irgendetwas, um richtiges Zähneputzen kommen Sie nicht herum, auch wenn sich dieses Gerücht noch so hartnäckig hält. Es ist zwar richtig, das durch das Kauen von Kaugummi oder Äpfeln Zahnbelag in einem gewissen Maß von den inneren und äußeren Zahnflächen und auch von den Kauflächen teilweise entfernt werden kann, doch in den Zahnfleischtaschen und Zahnzwischenräumen passiert dabei rein gar nichts. Diese Stellen können Sie nur mit Zahnbürste, Zahnseide und Zwischenraumbürsten reinigen.

Außerdem ist das Dauerkauen von Kaugummi eine Überbelastung der Zähne, des Zahnhalteapparates, der Kiefergelenke und der Kaumuskulatur und genauso schädlich wie der Bruxismus und andere Parafunktionen .

8. Die Milchzahnpflege ist nicht so wichtig

Dies ist ein weit verbreiteter Irrtum. Milchzähne gehen zwar schon nach relativ kurzer Zeit wieder verloren, haben jedoch während dieser Zeit dieselben wichtigen Funktionen wie die Bleibenden. Deshalb müssen sie genauso wie diese vom ersten Zahn an sorgfältig gepflegt werden. Milchzähne sind wesentlich kariesanfälliger als die Bleibenden und auch schlechter zu füllen, weil sie einerseits anatomisch ungünstiger sind und andererseits das Verhalten kleiner Kinder die Zahnbehandlung nicht unbedingt erleichtert.

Außerdem … wie sollen Kinder verstehen, dass sie nach dem Zahnwechsel plötzlich mit der konsequenten Mundhygiene beginnen sollen, wenn das vorher angeblich nicht so wichtig war. Das läuft dann so wie bei Hans, der nicht mehr lernen kann, was Hänschen nicht gelernt hat. Also tun Sie Ihren Kindern bitte den Gefallen, und bestehen Sie vom ersten Zahn an auf dem Zähneputzen. Übrigens … auch wenn kleine Kinder nicht mit Zahnseide umgehen können, spielerisch an diese heranführen können Sie sie immer.

Die Durchbruchzeiten der bleibenden Zähne

9. Karies ist erblich bedingt

Obwohl man das immer wieder hört, ist es falsch und lenkt von den wirklichen Ursachen ab. Genetische Faktoren können zwar möglicherweise einen gewissen Einfluss auf das Kariesrisiko haben, doch der ist so gering, dass er gegenüber der Mundhygiene und den Essgewohnheiten praktisch keine Rolle spielt. Wenn also schon Oma und Opa kaputte Zähne hatten, haben sie mit Sicherheit nicht die "Gene für schlechte Zähne" weitervererbt sondern ihre Einstellung zum Zähneputzen.


[1] © Gisela Peter - PIXELIO

aktualisiert vor 7 Tagen, am 10.11.2017 - 22:38.